Oberschrift statt Unterschrift für mehr Vertragstreue?

Foto: Vertragsabschluss mit Unterschrift

Könnte das Zeichnen von Verträgen am Vertragsanfang statt am Vertragsende, das heisst mit einer «Oberschrift» statt mit einer Unterschrift, zu mehr Vertragstreue?

Wissenschaftler aus Holland, Kanada und den USA gelangen in einer aktuellen Studie (PDF) zumindest für selbst ausgefüllte Formulare wie Steuererklärungen und Versicherungspolicen zum Ergebnis, dass eine «Unterschrift» am Anfang statt am Ende eines solchen Dokuments den inhaltlichen Wahrheitsgehalt erhöht.

Die University of Toronto schreibt zur Studie:

«Tax collectors and insurance agencies trying to boost honest reporting could improve compliance simply by asking people to sign their forms at the beginning instead of at the end.

That’s because attesting to the truthfulness of the information before a form is filled out tends to activate people’s moral sense, making it harder for them to fudge their numbers after, says a new paper.

‹Based on our previous research we knew that an honour code is useful, but we were wondering how much the location mattered,› says Nina Mazar, an assistant professor of marketing at the University of Toronto’s Rotman School of Management. […]

Their conclusions were supported in three separate experiments. The largest, involving more than 13,000 U.S. auto insurance policy forms with over 20,000 cars, showed customers who signed at the beginning on average revealed a 2,428 miles higher usage (3907 km) than those who signed at the end – more than a 10% difference. […]

Previous research has shown that people can use various forms of self-deception to avoid facing up to their own dishonest behaviour. But if their self-awareness is triggered before they are presented with an opportunity to lie, they are less likely to do it. Asking people to sign an honour code afterwards comes ‹too late,› says the paper.»

Aus rechtlicher Sicht ist allerdings Vorsicht geboten: Bei Urkunden mit vorgeschriebener Schriftform einerseits ist eine Unterzeichnung vorgeschrieben, die sich nach ihrer räumlichen Stellung mit dem Inhalt decken, das heisst in der Schriftrichtung dem Text nachfolgen muss. In BGE 106 II 146 hielt das Bundesgericht dazu fest (mit Verlinkung durch den Autor):

«[…] Wo diese Unterschrift zu stehen habe, ist für das Obergericht eine Auslegungsfrage. Es geht dabei vom bundesrechtlichen Begriff der Urkunde aus, wonach bei formbedürftigen Rechtsgeschäften die Unterschrift so anzubringen ist, dass sie den Inhalt der Urkunde deckt (BGE 103 II 147 mit Zitaten); sie müsste hier also am Ende der Urkunde oder am Rande der Skizze stehen. […]»

Bei Dokumenten ohne vorgeschriebene Schriftform andererseits ist eine Unterschrift am Textende ebenfalls empfehlenswert, damit sich eindeutig ergibt, auf welchen Inhalt sich die Unterschrift bezieht. Beides bedeutet aber nicht, dass sich unabhängig davon die Vertragstreue nicht durch eine entsprechende unterzeichnete Bestätigung am Vertragsanfang verbessern liesse …

Foto: Flickr/Jessica Spengler, CC BY 2.0 (generisch)-Lizenz.

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