Das Tech-Unternehmen Proton riskiert, durch den forcierten Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) das Vertrauen seiner Nutzer zu verlieren. Proton verwendet insbesondere den KI-Dienst Claude Code.
Für die einzelnen Nutzer ist Proton – mit bereits mehr als 100 Millionen Nutzerkonten – kein gewöhnliches Tech-Unternehmen.
Die Nutzer wechselten häufig von grossen amerikanischen Techkonzernen zu Proton, weil sie sich mehr Privatsphäre erhoffen. Sie müssen Proton-CEO Andy Yen und seinem Unternehmen vertrauen.
Das Vertrauen in Proton erschüttern aktuelle Recherchen des renommierten investigativen Onlinemediums «404 Media» über den Einsatz von KI und das ruppige Klima hinter den Kulissen bei Proton.
KI bei Proton: Welche Mitarbeiter können nach erneutem Bewerbungsgespräch bleiben?

Am 26. Oktober 2026 berichtete «404 Media», dass zahlreiche Mitarbeiter bei Proton ein erneutes Bewerbungsgespräch über ihre KI-Nutzung führen sollten.
Unter anderem (jeweils übersetzt):
«Proton, das Unternehmen hinter ProtonMail und weiteren datenschutzorientierten Produkten, teilte seinen Mitarbeitern am Montag mit, dass es im gesamten Unternehmen erneute Bewerbungsgespräche (‹Re-Interviews›) durchführen werde. Dabei soll untersucht werden, wie die Mitarbeiter künstliche Intelligenz (KI) bei ihrer Arbeit einsetzen. Laut einer internen E-Mail von Proton, die ‹404 Media› vorliegt, wird darin angedeutet, dass diese Gespräche darüber entscheiden könnten, ob die Mitarbeiter weiterhin beschäftigt werden.»
In einem Abschnitt der erwähnten internen E-Mail heisst es gemäss «404 Media»:
«Diese erneuten Bewerbungsgespräche haben weitreichende Konsequenzen. Die Interviewenden werden ihre Beurteilungen dokumentieren, die in eine umfassendere Überprüfung unserer Organisation und unseres Personals einfliessen werden. Diese Überprüfung kann zu Änderungen bei den Funktionen, Verantwortlichkeiten und der Weiterbeschäftigung führen. Die betroffenen Personen werden direkt über die individuellen Konsequenzen informiert, sobald die Entscheidungen endgültig getroffen sind.»
Proton steht mit diesem Vorgehen nicht allein. Auch andere Tech-Unternehmen setzen ihre Mitarbeiter immer stärker unter Druck, KI bei ihrer Arbeit einzusetzen. Häufig spielen KI-Kompetenzen bei der Leistungsbeurteilung sowie für Einstellungen und Kündigungen eine wichtige Rolle.
Hinter den Kulissen: «Kultur der Angst» und Sicherheitsbedenken

Am 29. Oktober 2026 dokumentierte «404 Media», wie Proton-CEO Andy Yen hinter den Kulissen den Einsatz von KI bei Proton forciert – allenfalls auch auf Kosten der Sicherheit.
Unter anderem (jeweils übersetzt auf Deutsch):
«Proton-CEO Andy Yen gibt sich nach aussen ruhig und besonnen, wettert gegen die grossen Technologiekonzerne und kritisiert künstliche Intelligenz (KI). Intern drängt er die Entwickler jedoch dazu, Proton mithilfe von KI weiterzuentwickeln – selbst wenn diese Sicherheitsbedenken haben.»
Und:
«Andy Yen, CEO von Proton, hatte eine klare Botschaft an einen Mitarbeiter im internen Slack-Kanal für Sicherheit, der das Unternehmen aufgefordert hatte, sich wenigstens einige Tage Zeit zu nehmen, um neu geschriebenen Programmcode vor der Veröffentlichung auf Sicherheitslücken zu testen (‹Pentesting›).
‹Das ist völliger Schwachsinn und Verliererdenken. Natürlich ist es möglich, schnell und gleichzeitig sicher zu sein›, schrieb Yen Ende August [2026] in diesem Kanal. ‹Hört auf, ständig darüber nachzudenken, wie Ihr langsamer werden könnt, und konzentriert Euch stattdessen mehr darauf, wie Ihr schneller werden könnt.›
In einer weiteren Nachricht bekräftigte Yen seine Haltung: ‹Nur Verlierer denken so.› Seine eigentliche Botschaft an das Team lautete, es solle ‹aufhören, unseren gesamten Programmcode liebevoll von Hand zu schreiben, und stattdessen mehr KI einsetzen›.»
Bei Proton herrscht, so «404 Media», eine «Kultur der Angst»:
«Unsere Recherchen zeigen eine Kultur der Angst innerhalb von Proton, in der viele Mitarbeiter davor zurückschrecken, Yens Ansichten auch nur zurückhaltend zu kritisieren oder technische Probleme anzusprechen.
Die Mitarbeiter beschreiben ein Arbeitsumfeld, in dem sie ernsthafte Sicherheitsbedenken haben oder sich Sorgen darüber machen, dass sie Sicherheitsprodukte mithilfe von KI entwickeln sollen. Dennoch fühlen sie sich nicht in der Lage, diese Bedenken zu äussern – aus Angst, Yen könnte sie vor allen anderen zurechtweisen oder ihnen mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes drohen.»
Das öffentliche Bild, das Proton pflegt, scheint mit dem forcierten Einsatz von KI hinter den Kulissen zu kollidieren:
«Unsere Recherchen zeichnen ausserdem ein Bild von Proton, das sich deutlich von der öffentlichen Wahrnehmung eines Unternehmens unterscheiden dürfte, dessen erklärtes Ziel der sorgfältige Schutz der Privatsphäre ist.
Tatsächlich treibt Proton den Einsatz von KI mit grösstmöglicher Geschwindigkeit voran, um das ausdrücklich formulierte Ziel höherer jährlicher Umsätze zu erreichen.
‹Aufgrund unzureichender Geschwindigkeit› sei Proton nicht auf Kurs, sein Ziel beim jährlich wiederkehrenden Umsatz bis Ende Jahr zu erreichen, heisst es in einem internen Dokument, das ‹404 Media› vorliegt.
Auch das Wachstum gegenüber dem Vorjahr sei «weit von dem entfernt, was der Markt heute als gut betrachtet». Weiter heisst es: ‹Gemessen an allen relevanten Kennzahlen sind wir ein Unternehmen mit unterdurchschnittlicher Leistung›.»
Der Einsatz von KI bei Proton scheint insbesondere mit dem amerikanischen KI-Dienst Claude (Code) von Anthropic zu erfolgen:
«Im Oktober seien 90 Prozent des Programmcodes bei Proton von KI geschrieben worden, erklärte der Technologiechef (CTO) des Unternehmens, Bart Butler, in einer Sitzung, deren Audioaufzeichnung ‹404 Media› vorliegt.
Ein grosser Teil dieses Programmcodes werde mit Claude von Anthropic erstellt, erklärten mehrere Mitarbeiter gegenüber ‹404 Media›. Auch Yen fordere die Mitarbeiter in Slack-Unterhaltungen auf, Claude zu verwenden.
‹Wir sind ein Technologieunternehmen, das sich gegen Big Tech stellt, und geben gleichzeitig Unsummen für Claude aus›, sagte ein Mitarbeiter gegenüber ‹404 Media›.»
Ein Problem für Proton scheint zu sein, dass der Sitz faktisch nicht nach China und in die USA verlegt werden kann und es in Europa – jedenfalls ausserhalb der Schweiz – schwierig ist, Mitarbeiter zu entlassen.
Es bleibt deshalb aus Sicht von Proton nur noch die Transformation durch den forcierten Einsatz von KI:
«Als mögliche Lösungen, um das Unternehmen schneller zu machen, nennt das Dokument zunächst eine Verlegung des Unternehmenssitzes in die USA oder nach China. Dies sei ‹für Proton leider keine Option› – vermutlich eine Anspielung darauf, dass Proton seinen Sitz wegen des starken Datenschutzes in der Schweiz hat.
Eine zweite Möglichkeit bestehe darin, zahlreiche Mitarbeiter zu entlassen und anschliessend neue einzustellen.
Dies hält Proton allerdings für unrealistisch, weil ‹wir in Europa ansässig sind, wo es lange dauert, die falschen Leute zu entlassen, und noch länger, die richtigen Leute einzustellen.›
Die dritte Möglichkeit bestehe darin, ‹das Unternehmen von innen heraus zu transformieren›.»
Nach Kritik: Proton verzichtet auf erneute Bewerbungsgespräche

Inzwischen teilte Proton mit, auf die «Re-Interviews» zu verzichten, wie «404 Media» meldet.
Unter anderem (jeweils übersetzt auf Deutsch):
«Am Freitag sagte Andy Yen, CEO von Proton, eine Reihe von nahezu unternehmensweit geplanten erneuten Bewerbungsgesprächen (‹Re-Interviews›) ab. In diesen Gesprächen hätten die Mitarbeiter darlegen müssen, wie sie KI bei ihrer Arbeit einsetzen. Dabei war klar, dass ihnen eine Entlassung drohen könnte, falls sie aus Sicht der Proton-Geschäftsleitung nicht genügend KI nutzen. Dies geht aus Aussagen von sechs derzeitigen Proton-Mitarbeitern sowie der Audioaufzeichnung einer rund zweistündigen unternehmensweiten Mitarbeiterversammlung hervor, die ‹404 Media› vorliegt.»
Allerdings:
«Die Absage der erneuten Bewerbungsgespräche dürfte allerdings die Bedenken vieler Proton-Nutzer nicht ausräumen. Diese sorgen sich vor allem darüber, dass Proton der Sicherheit zunehmend eine geringere Priorität einräumt. Zahlreiche Proton-Nutzer haben die Unternehmensführung in den vergangenen 24 Stunden in den sozialen Medien scharf kritisiert und ausdrücklich den Rücktritt von Yen gefordert.»
Und:
«‹Ich glaube nicht, dass er irgendetwas ändern wird. Und ich denke, der einzige Grund, weshalb wir diese Versammlung überhaupt abgehalten haben, ist, dass er es inzwischen mit einer Rebellion innerhalb des Unternehmens zu tun hat›, sagte ein Mitarbeiter nach der unternehmensweiten Versammlung am Freitag gegenüber ‹404 Media›.»
Flucht nach vorn: Proton reagiert auf Kritik und verspricht Transparenz

Bei LinkedIn – bislang aber nicht im eigenen offiziellen Blog – versucht Proton die Flucht nach vorn und verspricht Transparenz.
Unter anderem (übersetzt auf Deutsch):
«Unser Einsatz von KI wird niemals zulasten der Sicherheit gehen. Entgegen den erhobenen Vorwürfen haben wir im vergangenen Jahr zusätzliche Sicherheitsprüfungen eingeführt, um der Bedrohung durch feindlich gesinnte KI-Systeme zu begegnen, die den quelloffenen Programmcode von Proton nach Schwachstellen durchsuchen. Unser Programmcode ist quelloffen, und seine Sicherheit kann weiterhin von allen überprüft werden.
Wir wollen Euch dies beweisen. Im Interesse der Transparenz werden wir deshalb offenlegen, wie wir KI intern bei Proton einsetzen. Dazu gehört, dass wir mehrere unserer internen Werkzeuge öffentlich zugänglich machen und deren Quellcode veröffentlichen werden. Darunter befinden sich auch weiterentwickelte Versionen von Lumo mit erweiterten Funktionen, die bisher ausserhalb des Unternehmens nie verfügbar waren.
Ausserdem werden wir offenlegen, wie bei Proton Code-Reviews und Sicherheitsprüfungen durchgeführt werden, und unsere KI-Richtlinien detailliert erläutern. Dazu gehört insbesondere, wo der Einsatz von KI erlaubt ist, wo er nicht erlaubt ist und welche Überlegungen diesen Entscheidungen zugrunde liegen.»
Proton dürfte es helfen, dass die meisten Nutzer die Wirren um Proton-CEO Andy Yen und den forcierten Einsatz von KI gar nicht wahrnehmen.
Siehe auch:
- Proton sperrt Nutzer wegen angeblicher Straftat: Was steckt dahinter?
- FBI erhält Daten über anonymes E‑Mail-Konto bei Proton Mail
- Proton erhält 72 Prozent mehr Anfragen für Nutzerdaten im Jahr 2024
- Proton erteilt keine Auskunft zu Überwachungspflichten für Proton Mail, Proton VPN und Proton Drive
- Urteil: ProtonMail unterliegt Überwachungspflichten in der Schweiz als Kommunikationsdienst
Bild: OpenAI / ChatGPT (KI-generiert).
